Pilsen-Kit 2009
29.08.2009

Bilder Bernhard Pethe, Text Kai Röther


"Hilfe, es ist Pilsen-Kit und keiner fährt mit." So in etwa ereilte mich ein "Hilferuf" aus der Thüringer Bastlerszene. Die üblichen Verdächtigen waren alle irgendwie anderweitig beschäftigt und Jörg stand auf einmal allein da. Da es hier Schnittmengen mit dem FFMC gibt, fühlte ich mich natürlich gleich in der Pflicht. Bernhard muss es ähnlich gegangen sein. Auch er hat sich sehr kurzfristig entschlossen mit nach Pilsen zu fahren. Sogar so kurz, dass er es zwar geschafft hat seine Koffer vom Moskau-Trip aus- und ein kleineres Täschchen einzupacken, jedoch vergaß, die fast 3000 Moskau-Bilder von den Speicherkarten zu nehmen. Nicht schlimm, kam ich doch so später in den Genuss, ein klein bisschen MAKS-Atmosphäre zu schnuppern, und zwar aus erster Hand.

Und so startete Bernhard Freitag Mittag, sackte mich Jena ein und vor der üblichen Wochenend-Stauwelle hersurfend erreichten wir eine halbe Stunde später Triptis, um Jörg von der Arbeit abzuholen. Nach weiteren Zwischenstops gelangten wir nach Pilsen, wo uns Jörg schnurstracks zu einem idyllischen See mit Zeltplatz führte. Mh, wenn wir schon mal hier sind, sollte es auch kulinarisch ein Highlight werden. Wie es aussah, ließ sich das jedoch auf dem Zeltplatz nicht realisieren. Also war der Plan erst mal die Modelle einzuchecken und dort sich auf dem Stadtplan ein paar Kreuze für preiswerte Unterkünfte in Zentrumsnähe machen zu lassen.
Auf dem Ausstellungsgelände empfing uns ein Organisationskomitee was der deutschen Sprache mächtig war (was uns sehr entgegenkam), einen äußerst kompetenten Eindruck machte und dessen Rechner abgestürzt war. Alles halb so schlimm, die Anmeldung wurde handschriftlich vorgenommen und klappte dennoch hervorragend. Vor uns hatten schon einige tschechische Modellbauer ihre Werke aufgebaut. Was es da bereits jetzt zu sehen gab, ließ schon etwas von der Qualität der Ausstellung erahnen.
Nun gut, da war ja noch die Sache mit den Kreuzen auf der Karte. Es fand sich nach einer halben Stunde jemand, der sich unseres Problems annahm. Er verstand zwar gut deutsch, aber irgendetwas ist auf der Kommunikationsstrecke doch liegengeblieben. Jedenfalls war er plötzlich weg um eine weitere halbe Stunde mit einer Reservierung wieder aufzutauchen. So gesehen, war das in Ordnung. Den Hinweis allerdings, er komme mit, da man dort kein deutsch und auch kein englisch spricht, hätte man durchaus ernster nehmen können. Wie dem auch sei, der gute Mann hatte wirklich alle Hände voll tun, und so beließen wir es bei einem wohlgemeinten "Danke" und verließen ohne Übersetzer das Gelände. Etwas irritiert hat mich dabei die Eskorte durch einen Schwimmkübelwagen der SS samt zweier Herren in passender Uniform.

Unsere Unterkunft war ein Studentenwohnheim mit allem was dazu gehört, oder vielmehr nicht dazugehört. Ich hatte augenblicklich ein nostalgisches Reißen in den Knochen. Getopt wurde das durch eine Pförtnerin, die uns wahrscheinlich zunächst die wichtigsten Punkte der Heimordnung diktierte, allein wir verstanden kein Wort. Durch die entsprechende Geste (Kopf schräg auf zusammengelegte Hände mit den Worten "Deidei" und anschließend drei vorgereckte Finger) war ihr dann wohl doch klar geworden, das wir nichts, aber auch gar nichts verstanden. Sie gab auf und uns drei Anmeldeformulare. Damit war das Bettchen für die Nacht gesichert.

Der nächste Programmpunkt sah dann die Nahrungsaufnahme unter besonderer Berücksichtigung regionaler Spezialitäten vor (wir befanden uns im Epizentrum tschechischer Braukunst). Während Jörg und ich noch darüber philosophierten, das doch rechts, in Richtung Zentrum sicher die Wahrscheinlichkeit einer ordentliche Lokali ... "Wir gehen mal nach links!". Bernhard bewies einmal mehr Führungsqualitäten und führte uns in ein ca. 50m "entferntes" Restaurant, wo alle Wünsche erfüllt wurden - erstklassiges Essen, süffiges tschechisches Bier und eine Bedienung, die fast ein bisschen zu sehr auf Zack war.


Der nächste Morgen empfing uns mit strahlendem Sonnenschein, also auf zum Ausstellungsgelände. Dort war schon mächtig Betrieb, RC-Renner drehten ihre Runden, Leute suchten Parkplätze (so auch wir), Aussteller schleppten Kisten, Händler schleppten große Kisten, Würstchenbudenbetreiber heizten die Grills an. Ich hatte den Eindruck ein Volksfest zu besuchen.

Die eigentliche Ausstellungshalle war natürlich gerammelt voll. In der Mitte der Halle standen die Tische mit den Exponaten. Am Rand reihten sich die Stände der Händler. Im Unterschied zu Ausstellungen in Deutschland ist es so, das man die Modelle abgibt, diese auf einen der Tische gestellt werden und man sich als Aussteller unter's Volk als normaler Besucher mischt. Jedes Modell bekommt eine Nummer und nimmt so automatisch und anonym am Wettbewerb teil. Nach welchen Kriterien die Platzierung erfolgt ist nicht ersichtlich. Man konnte sich das aber schon in etwa zusammenreimen. Für mich sah es so aus, das an erster Stelle die handwerklichen Fähigkeiten standen. Auch eine spektakuläre Vorbildauswahl schien begünstigend zu wirken. Eingeteilt wurde in verschiedene Kategorien. Grob kann man sagen, das nach Maßstab und Antriebsart unterschieden wurde. Daneben gab es noch, ich nenne sie mal Nischen-Kategorien. Als Beispiele seien genannt Zivil-Flugzeuge oder Sammlung von Flugzeugen zu einem bestimmten Thema oder auch Flugzeuge tschechischer Piloten (alle genannten waren maßstabsunabhängig). Der Schwerpunkt lag aber eindeutig auf den erstgenannten Kategorien. Die Qualität der dort gezeigten Modelle war ausnahmslos absolute Spitze. Eine derartige Fülle von wirklich hochklassigen Modellen ist mir noch nie begegnet.
Was konnten wir beisteuern? Jörg zeigte diverse Modelle in der Kategorie Propeller 1:72 und bei den Dioramen, Bernhard bei den Helis in 1:72. Ich verteilte ebenfalls in den 72'er Kategorien für Props und Düsen. Daneben stellte ich noch bei den Zivilfliegern und in bei den Flugzeugen tschechischer Piloten etwas dazu. Jörg hatte noch Modelle von Arne und Ulli (ein Thüringer Modellbaufreund) mit, die er ebenfalls eincheckte. Alles in allem waren wir also recht breit vertreten.

Der Tag verging mit Staunen und Shoppen. Bei den von mir erfragten Preisen konnte ich keinen Unterschied mehr zu hiesigen Beschaffungsmöglichkeiten erkennen. Einzig die Verfügbarkeit machte den Unterschied. So konnte man in vielen Büchern blättern und sich so vor dem Kauf ein Urteil bilden. Das eine oder andere Schnäppchen konnte man aber dennoch schießen. Überrascht war ich, Herrn Gabbert mit seinen Spritzpistolen anzutreffen. Auf genau diese Gelegenheit hatte ich gewartet und mich mit dringend benötigten Ersatzteilen eingedeckt. Jörg beeindruckte mich durch seine Kommunikationsfreude. Mit nahezu jedem Händler gelang es ihm ein Schwätzchen zu halten und das eine oder andere mal den Preis einfach aufgrund der Nettigkeit etwas freundlicher zu gestalten - vielleicht lag es auch an der Anzahl der Dinge, die er kaufen wollte. Ich erlebte das genaue Gegenteil. Da man ja nie wusste, ob der Verkäufer deutsch sprach, musste man erst irgendwie herausbekommen, ob man deutsch reden kann. Das war mir aber irgendwann zu blöd. Also probierte ich es direkt in englisch. Der Händler stieg darauf ein und beantwortete mir die Frage nach dem Preis in Kronen. Auch ein nachdrückliches Nachhaken, wieviel das denn in Euro wäre "In Äuro?" ließ ihn nicht von "Forhundred!" abrücken. Der nebenstehende Kollege schaute dem Hinundher eine Weile zu und erbarmte sich dann unser. Ein, zwei tschechische Worte ließ meinen Gegenüber zum Taschenrechner greifen und wir waren uns sehr schnell handelseinig.
Bernhard, aufgrund seiner Größe ja ohnehin nicht zu übersehen, wurde von Modellbaufreunden aus Cheb begrüßt, bei denen wir letztes Jahr zu Gast waren. Man hat also bleibenden Eindruck hinterlassen.
Am späteren Vormittag erschienen alte Bekannte aus Leipzig und füllten die letzten Lücken auf den Tischen mit Sammlungen von Fliegern zu einem Thema. "Nachbrenner"-Jan's Kollektion tschechischer MiG-15 war zwar aus dem Flugzeugforum bekannt, sie aber live zu sehen und darüber mit Jan zu schwatzen, war noch einmal etwas anderes.

Maßstab 1:72

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